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Skinner – der sicher nicht wollte, dass seine Lerntheorie die Hundewelt spaltet

9. Okt.
8 Min. Lesezeit

Von Keksen, Konsequenzen und der Frage, wann eine Leine plötzlich zur Gewalt wird.


Stell dir vor, du gehst mit deinem Hund in eine Hundeschule.


Dein Hund springt dich zur Begrüssung an. Die Trainerin erklärt dir, dass du dich einfach wegdrehen und ihn ignorieren sollst. Sobald er mit allen vier Pfoten auf dem Boden steht, bekommt er Aufmerksamkeit und wird belohnt.


Klingt nach einem wunderbaren Beispiel für positives Hundetraining, oder?


Ist es auch.


Nur hast du gerade möglicherweise negative Strafe angewendet.


Ups. 😅


Und damit sind wir mitten in einer Diskussion, die unsere Hundewelt seit Jahren beschäftigt.


Auf der einen Seite stehen Menschen, die von sich sagen, sie würden ausschliesslich positiv trainieren. Auf der anderen Seite jene, die offen darüber sprechen, dass auch Strafe Bestandteil von Lernprozessen ist.


Dazwischen wird diskutiert, gestritten und nicht selten mit dem Vorwurf der Gewalt argumentiert.


Und irgendwo sitzt gedanklich B. F. Skinner und fragt sich vermutlich, was zur Hölle wir aus seiner Lerntheorie gemacht haben.


Denn Skinner hat untersucht, wie Verhalten durch seine Konsequenzen beeinflusst wird.


Er hat uns damit keine Anleitung geliefert, wie wir Hundetrainer:innen in gute und schlechte Menschen einteilen sollen.


Die operante Konditionierung beschreibt Lernprozesse. Sie ist kein moralisches Gütesiegel für eine Trainingsphilosophie.


Und genau da beginnt unser Problem.


Der Hund springt hoch – und wir bestrafen ihn, ohne es zu merken

Der Hund möchte Aufmerksamkeit. Er springt hoch, der Mensch dreht sich weg und entzieht ihm damit genau das, was er gerade haben wollte.


Wird das Anspringen durch diese Konsequenz zukünftig seltener, sprechen wir von negativer Strafe.


Sondern weil ein erwünschter Reiz entzogen wurde und das Verhalten dadurch abnimmt.


Und das Interessante daran?


Genau diese Vorgehensweise wird häufig von Trainer:innen empfohlen, die sich einem ausschliesslich belohnungsbasierten Training verschrieben haben.


Das ist auch überhaupt kein Widerspruch, solange mit «belohnungsbasiert» gemeint ist, dass erwünschtes Verhalten vorwiegend über positive Verstärkung aufgebaut wird und auf belastende aversive Massnahmen verzichtet wird.


Ein Widerspruch entsteht erst dann, wenn behauptet wird, man würde grundsätzlich niemals Strafe anwenden.


Und damit wir uns richtig verstehen: Nicht jedes Wegdrehen ist automatisch negative Strafe.


Entscheidend ist, ob der Entzug der Aufmerksamkeit tatsächlich dazu führt, dass das Anspringen zukünftig seltener wird.


Denn auch das gehört zur Lerntheorie: Nicht unsere Absicht bestimmt die Funktion einer Konsequenz, sondern ihre Wirkung auf das Verhalten.


Ein paar weitere Beispiele gefällig?


1. Der Hund beisst beim Spielen in deine Hand

Du beendest das Spiel, stehst auf und gehst weg.

Der Hund verliert den Zugang zu einer für ihn angenehmen Interaktion.

Wenn das Beissen dadurch zukünftig seltener wird, handelt es sich um negative Strafe.


2. Der Hund möchte unbedingt durch die Gartentür

Du öffnest die Tür. Der Hund drängelt nach vorne. Du schliesst sie wieder.

Erst wenn er wartet, öffnest du die Tür erneut.

Auch hier kann das Schliessen der Tür als negative Strafe wirken, sofern der Entzug der Zugangsmöglichkeit das Drängeln zukünftig reduziert.

Das ruhige Warten wird anschliessend durch den Zugang zum Garten verstärkt.

Zwei unterschiedliche Lernprozesse innerhalb derselben Übung.


3. Der Hund bettelt am Esstisch

Früher hat er gelegentlich etwas bekommen. Jetzt gibt es konsequent nichts mehr.

Hier sprechen wir nicht automatisch von negativer Strafe, sondern können es mit Extinktion zu tun haben: Eine bisher verstärkende Konsequenz bleibt aus.


4. Der Hund möchte zu einem anderen Hund hinrennen

Du hältst ihn mit der Leine zurück.

Zunächst verhinderst du, dass der Hund ein Verhalten ausführen kann. Das ist Management.

Ob darüber hinaus ein strafender Lernprozess stattfindet, lässt sich nicht allein aus der Tatsache ableiten, dass du ihn zurückhältst.

Die Leine ist also nicht automatisch ein Strafwerkzeug.

Entscheidend ist, was tatsächlich geschieht.


Die Leinenpflicht – staatlich verordnete Gewalt?

Jetzt treiben wir das Ganze einmal auf die Spitze.


Es ist Sommer. 35 Grad. Die Sonne brennt.


Du möchtest mit deinem Hund spazieren gehen. Im Wald wäre es angenehm kühl, aber dort gilt gerade Leinenpflicht.


Auf dem offenen Feld dürfte dein Hund frei laufen. Allerdings gibt es dort weder Schatten noch Abkühlung.


Was machst du?


Wenn wir jede Einschränkung eines Hundebedürfnisses automatisch als Strafe und jede Strafe wiederum als Gewalt definieren, wird die Entscheidung plötzlich ziemlich kompliziert.


Und wenn negative Strafe grundsätzlich Gewalt sein soll, ist die gesetzliche Leinenpflicht dann staatlich verordnete Gewalt?


Willkommen in der Absurdität. 😉


Eine Einschränkung ist nicht automatisch Gewalt. Und die Erfüllung eines Bedürfnisses ist nicht automatisch tierschutzgerecht.


Wenn ich meinen Hund bei 35 Grad über ein schattenloses Feld laufen lasse, nur damit er möglichst uneingeschränkt seine Freiheit geniessen kann, habe ich möglicherweise ein wesentlich grösseres Problem geschaffen.


Denn ein Hitzschlag interessiert sich herzlich wenig für meine Trainingsphilosophie.


Im kühlen Wald kann mein Hund dagegen an einer Schleppleine schnüffeln, sich bewegen, die Umgebung erkunden und seinen Bedürfnissen nachgehen.


Gleichzeitig schütze ich Wildtiere, respektiere gesetzliche Vorgaben und übernehme Verantwortung für meinen Hund.


Manchmal besteht verantwortungsvolle Hundehaltung gerade darin, ein Bedürfnis nicht unmittelbar erfüllen zu lassen.


Unsere Aufgabe ist, seine Bedürfnisse, seine Sicherheit und die Interessen seiner Umwelt verantwortungsvoll miteinander zu vereinbaren.


Und dafür braucht es manchmal eine Leine.

Nicht als Strafe.

Sondern als Werkzeug.


Rein positiv – was bedeutet das eigentlich?

Ich habe grundsätzlich überhaupt kein Problem damit, wenn Trainer:innen ihren Schwerpunkt auf positive Verstärkung legen.


Erwünschtes Verhalten gezielt aufzubauen, Alternativverhalten zu verstärken, Lernumgebungen sinnvoll zu gestalten und den Hund möglichst gar nicht erst in Situationen zu bringen, in denen er scheitern muss, gehört für mich zu gutem Hundetraining.


Aber ich habe ein Problem damit, wenn aus einer Trainingsphilosophie eine absolute Behauptung wird.


Denn was bedeutet «rein positiv» konkret?

Bedeutet es, dass ich ausschliesslich positive Verstärkung einsetze?

Dass ich auf absichtlich eingesetzte aversive Reize verzichte?

Dass ich keine Schmerzen, Angst oder Einschüchterung verursache?

Oder bedeutet es, dass ich grundsätzlich keine Konsequenzen anwende, die ein Verhalten reduzieren sollen?


Das sind vier unterschiedliche Aussagen.

Und solange wir nicht einmal definieren, worüber wir sprechen, diskutieren wir aneinander vorbei.


Belohnungsbasiertes Training und die vollständige Abwesenheit von Strafe sind nicht dasselbe.


Ich kann meinen Hund überwiegend über positive Verstärkung ausbilden und trotzdem in bestimmten Situationen negative Strafe einsetzen.


Die Natur interessiert sich nicht für unsere Trainingsphilosophie

Stellen wir uns einen Hund vor, der ein Reh entdeckt und hinterherhetzt.


Das Problem?

Die Umwelt verstärkt Verhalten ebenfalls.

Das Hetzen kann für den Hund bereits durch die Tätigkeit selbst verstärkend wirken. Dafür braucht es weder einen Keks noch ein Lob noch einen Menschen, der irgendeine Trainingsmethode anwendet.


Natürlich können wir versuchen, alternatives Verhalten aufzubauen, den Rückruf sorgfältig zu trainieren, die Umgebung anzupassen und über eine Schleppleine zu verhindern, dass der Hund Jagderfolg hat.


Aber die Natur wird nicht aufhören, Verhalten zu verstärken, nur weil wir uns entschieden haben, ausschliesslich mit positiver Verstärkung zu arbeiten.

Das ist vorausschauendes Management.


Wann wurde aus Strafe automatisch Gewalt?

Ich finde es bemerkenswert, wie emotional die Diskussion in der Hundewelt inzwischen geführt wird.


Wer sagt, dass er mit Strafe arbeitet, muss sich teilweise rechtfertigen, als hätte er gerade angekündigt, seinen Hund regelmässig zu verprügeln.


Gleichzeitig wird mit Begriffen wie «rein positiv» oder «gewaltfrei» geworben, als wären diese automatisch ein Beweis für fachlich korrektes, tierschutzgerechtes Training.


Dabei werden hier zwei völlig unterschiedliche Ebenen vermischt.


Die Lerntheorie beschreibt, wie Verhalten verändert wird.


Der Tierschutz und die Trainingsethik beschäftigen sich damit, welche Mittel wir dabei einsetzen dürfen und welche Belastungen wir einem Tier zumuten.


Eine positive Strafe kann darin bestehen, dass ein aversiver Reiz hinzugefügt wird, der das Verhalten zukünftig reduziert.


Wie stark dieser Reiz ist, ob er Schmerzen oder Angst auslöst, ob er vorhersehbar ist und welche Auswirkungen er auf das Wohlbefinden des Hundes hat, lässt sich aus dem Begriff «positive Strafe» allein nicht ableiten.


Und genau deshalb ist die Gleichung

Strafe = Gewalt

wissenschaftlich zu undifferenziert.


Genauso falsch wäre allerdings die gegenteilige Behauptung, jede Form von Strafe sei harmlos, nur weil sie sich lerntheoretisch erklären lässt.


Die Lerntheorie ist keine Rechtfertigung für den Einsatz aversiver Methoden.


Der Keks macht noch keine Trainingsphilosophie

Besonders spannend finde ich, dass wir häufig nur die Massnahme beurteilen, die wir unmittelbar sehen.


Ein Hund bekommt einen Keks. Also positive Verstärkung.

Ein Hund bekommt keinen Keks. Also wurde er bestraft?


So einfach ist es eben nicht.


Stell dir vor, du übst mit deinem Hund ein Sitz. Er setzt sich, bekommt einen Keks und freut sich.

Beim nächsten Versuch bleibt er stehen. Du wartest, ohne ihm etwas zu geben.


Hast du ihn jetzt bestraft?

Nicht automatisch.


Du hast zunächst einfach kein Verhalten verstärkt. Das Ausbleiben einer Belohnung ist nicht grundsätzlich mit negativer Strafe gleichzusetzen.


Und nicht jede Massnahme, die freundlich aussieht, ist automatisch angenehm für den Hund.


Ein Hund kann beispielsweise durch das wiederholte Vorenthalten einer erwarteten Belohnung erheblich frustriert werden. Ein anderer kommt mit derselben Situation problemlos zurecht.


Wir können also nicht allein anhand unserer Trainingsabsicht beurteilen, was der Hund tatsächlich erlebt.


Der Hund liest schliesslich nicht unsere Trainingsphilosophie. Er erlebt unser Handeln.


Funktioniert bedeutet nicht automatisch vertretbar

Ein Hund kann aufhören zu bellen, weil er gelernt hat, sich in einer Situation anders zu verhalten.


Er kann aber auch aufhören zu bellen, weil er Angst vor den Konsequenzen hat.


Deshalb reicht es nicht, nur zu fragen:

«Hat die Massnahme funktioniert?»

Wir müssen auch fragen:

Was hat der Hund tatsächlich gelernt?

Welche Emotionen waren am Lernprozess beteiligt?

Welche Auswirkungen hat die Massnahme auf sein Wohlbefinden?

Gibt es eine weniger belastende Alternative?

Ist das Vorgehen verhältnismässig und tierschutzrechtlich zulässig?


Gerade bei Angst, Aggressionsverhalten oder starkem Stress müssen wir besonders sorgfältig hinschauen.


Denn ein Verhalten, das nicht mehr gezeigt wird, ist nicht automatisch ein gelöstes Problem.

Und ein Hund, der nicht mehr reagiert, ist nicht automatisch entspannt.


Zwei Lager, ein Hund – und die Fachlichkeit bleibt auf der Strecke

Ich beobachte in der Hundewelt zunehmend eine Entwicklung, die mir Sorgen macht.


Es geht immer weniger darum, was der einzelne Hund braucht, wie er lernt und welche Massnahmen in einer konkreten Situation sinnvoll sind.


Stattdessen geht es darum, welchem Lager man angehört.


Die einen sprechen von Gewaltfreiheit und positiver Verstärkung. Die anderen von Konsequenz, Grenzen und Führung.


Wer sich nicht eindeutig positioniert, wird schnell in eine Schublade gesteckt.


Dabei kann ich positive Verstärkung als zentrales Element meiner Arbeit betrachten und gleichzeitig anerkennen, dass Verhalten auch durch andere Konsequenzen beeinflusst wird.


Ich kann klare Grenzen setzen, ohne einen Hund einzuschüchtern.

Ich kann einen Hund daran hindern, ein Verhalten auszuführen, ohne ihm Schmerzen zuzufügen.

Und ich kann mich bewusst gegen eine bestimmte Trainingsmassnahme entscheiden, obwohl ich weiss, dass sie lerntheoretisch funktionieren könnte.


Etwas zu verstehen bedeutet nicht, es anwenden zu müssen.

Wir sollten endlich aufhören, aus wissenschaftlichen Begriffen moralische Kampfbegriffe zu machen.


Vielleicht sollten wir Skinner einfach wieder Skinner sein lassen

Aber seine Forschung zur operanten Konditionierung war nicht dazu gedacht, Menschen anhand ihrer Trainingsphilosophie in gute und schlechte Hundetrainer:innen einzuteilen.


Sie sollte erklären, wie Verhalten durch Konsequenzen beeinflusst wird.


Was wir aus diesem Wissen machen, liegt in unserer Verantwortung.


Ich wünsche mir eine Hundewelt, in der wir wieder sachlich über Lernverhalten diskutieren können.


In der eine Trainerin sagen darf, dass sie negative Strafe einsetzt, ohne automatisch als gewalttätig abgestempelt zu werden.


In der ein Trainer erklären darf, weshalb er bewusst auf bestimmte aversive Massnahmen verzichtet, ohne als naiver Wattebauschwerfer bezeichnet zu werden.


Und in der wir fachliche Kritik nicht mit persönlichen Angriffen verwechseln.


Wir müssen nicht alle dieselbe Trainingsphilosophie vertreten.


Aber wir sollten zumindest dieselbe wissenschaftliche Sprache sprechen.


Denn am Ende steht vor uns kein Quadrant.

Da steht ein Hund.

Ein Individuum mit einer eigenen Lerngeschichte, eigenen Bedürfnissen, Emotionen und Möglichkeiten.


Und unsere Aufgabe als Fachpersonen besteht darin, dieses Individuum zu verstehen und verantwortungsvoll zu begleiten.


Vielleicht beginnt fachliche Kompetenz genau dort, wo wir aufhören, die Lerntheorie als Argument gegen andere zu verwenden – und anfangen, sie auf unser eigenes Training anzuwenden.


Den Graben zwischen den Trainingslagern haben wir ganz alleine ausgehoben. 😉



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