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Gewaltfrei ist selbstverständlich. Faire Hundeerziehung ist unser Anspruch.

7. Sept.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Sept.

Hinter diesen Aussagen stehen wir voll und ganz. Gewaltfreiheit und ein fairer, tierschutzkonformer Umgang mit Hunden sollten selbstverständlich sein.


Gewaltfrei Studien und Wissenschaft vs etische Grundsätze

Doch gerade wenn Trainingsansätze mit Wissenschaft begründet werden, gehört für uns auch dazu, genau hinzuschauen: Was ist tatsächlich wissenschaftlich belegt? Was ist ein ethisches Modell? Was zeigt lediglich einen Zusammenhang? Und wo werden Schlussfolgerungen eindeutiger formuliert, als es die Forschung zulässt?


Genau darum geht es in diesem Beitrag.


Wenn «wissenschaftlich» draufsteht: Ein genauer Blick auf FAIRPLAY MIT HUND

FAIRPLAY MIT HUND schreibt in seinem Kodex, man orientiere sich an den «neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Canine Science» und der Trainingsansatz sei «naturwissenschaftlich und empirisch fundiert».


Das klingt eindeutig. Doch was bedeutet das tatsächlich?


Wir haben uns die auf der Website genannten Quellen und einige der zentralen Aussagen genauer angesehen. Dabei ist wichtig vorwegzunehmen: Ein möglichst tierwohlorientiertes, belohnungsbasiertes Training ist fachlich gut begründbar. Ebenso gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass insbesondere stark aversive Trainingsmethoden mit Risiken für das Wohlbefinden von Hunden verbunden sein können.


Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass jede Aussage eines Trainingskodex wissenschaftlich bewiesen ist.


1. Worauf stützt sich der FAIRPLAY-Kodex?

Auf der Kodex-Seite werden als Grundlage insbesondere zwei Modelle genannt:


Least Intrusive Principle nach Susan Friedman

Hierbei handelt es sich um einen ethischen bzw. verhaltensanalytischen Entscheidungsansatz: Wenn mehrere wirksame Interventionen zur Verfügung stehen, soll möglichst wenig invasiv vorgegangen werden.

Das ist ein fachliches Prinzip für die Auswahl von Interventionen – aber keine experimentelle Hundestudie, die sämtliche daraus abgeleiteten Trainingsregeln empirisch beweist.


LIFE-Modell nach Eduardo J. Fernandez (2024)

LIFE steht für «Least Inhibitive, Functionally Effective». Fernandez schlägt damit ausdrücklich einen neuen Rahmen für ethische Tiertrainingspraktiken vor.

Auch hier ist die Unterscheidung wichtig: Das LIFE-Modell ist ein wissenschaftlich publiziertes Framework. Es ist aber keine experimentelle Vergleichsstudie, die beweist, dass jede konkrete Vorgabe eines daraus entwickelten Hundetrainingskodex anderen Vorgehensweisen überlegen ist.

Ein wissenschaftlich publiziertes ethisches Modell und ein empirischer Wirksamkeitsnachweis sind nicht dasselbe.


2. Was sagt die Forschung zu aversivem Training tatsächlich?

Hier wird es interessanter.


Ziv veröffentlichte 2017 einen Review über 17 Untersuchungen zu unterschiedlichen Trainingsmethoden. Das Ergebnis spricht durchaus gegen einen unnötigen Einsatz aversiver Methoden: Diese können das körperliche und psychische Wohlbefinden beeinträchtigen, und es fand sich kein Beleg dafür, dass positive Strafe wirksamer wäre als Training auf Basis positiver Verstärkung.


Aber derselbe Review nennt methodische Probleme der vorhandenen Forschung – darunter kleine Stichproben, fehlende Effektgrössen und mögliche Verzerrungen bei Verhaltensbeobachtungen.


Auch Fernandes, Olsson & Vieira de Castro kamen 2017 in einem Literaturreview zum Ergebnis, dass aversive Methoden mit Indikatoren beeinträchtigten Wohlbefindens korrelieren.


Gleichzeitig lautet eine der Kernaussagen dieses Reviews ausdrücklich: Die untersuchten Studien weisen verschiedene Limitationen auf und weitere Forschung ist notwendig, bevor starke Schlussfolgerungen gezogen werden können.


Das gehört ebenfalls zur Wissenschaft.


Nicht nur das Ergebnis zu zitieren, sondern auch die Grenzen der Evidenz.


3. Die häufig zitierte Studie mit 92 Hunden

Vieira de Castro et al. untersuchten 2020 insgesamt 92 Familienhunde aus sieben Hundeschulen.


Hunde aus Schulen, die einen hohen Anteil aversiver Methoden verwendeten, zeigten unter anderem mehr stressbezogenes Verhalten und stärkere Cortisolanstiege als Hunde aus belohnungsbasiert arbeitenden Schulen. Auch bei einem Cognitive-Bias-Test zeigten sich Unterschiede.


Das sind relevante Ergebnisse und sie sollten ernst genommen werden.


Aber auch daraus darf man nicht mehr ableiten, als untersucht wurde.


Die Hunde wurden nicht zufällig verschiedenen Trainingsmethoden zugeteilt, sondern stammten aus bereits bestehenden Hundeschulen. Die Untersuchung liefert damit wichtige Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Trainingsansatz und Wohlbefindensindikatoren – sie beantwortet aber nicht automatisch jede Frage zu jeder Form von Strafe, Korrektur, Grenze oder Konsequenz im Hundetraining.


4. «Metastudien belegen …» – stimmt das?

Auf der FAIRPLAY-Seite wird geschrieben, «Metastudien» würden einen Zusammenhang zwischen Strafen und einer höheren Wahrscheinlichkeit von Verhaltensproblemen sowie aggressivem Verhalten belegen. Genannt werden unter anderem Ziv (2017) und Howell et al. (2025).


Hier lohnt sich wissenschaftliche Genauigkeit.


Ziv 2017 ist ein Literaturreview, keine klassische statistische Meta-Analyse.


Howell et al. 2025 ist eine systematische Übersichtsarbeit mit narrativer Synthese. Die Autoren konnten aufgrund der unterschiedlichen Populationen, Studiendesigns und Methoden gerade keine Meta-Analyse durchführen.


Howell et al. fanden robuste Evidenz für einen Zusammenhang zwischen körperlicher Bestrafung bzw. konfrontativen Trainingsmethoden und menschengERICHTETER Aggression.


Aber auch diese Autor:innen weisen auf ein entscheidendes Problem hin: In Teilen der Literatur werden Zusammenhänge vorschnell kausal interpretiert, obwohl eine bidirektionale Beziehung möglich ist.


Ein einfaches Beispiel:

  • Wird ein Hund aggressiver, weil er häufiger körperlich bestraft wird?

  • Oder greifen Halter:innen von bereits aggressiven Hunden häufiger zu konfrontativen Methoden?

  • Oder beeinflussen sich beide Faktoren gegenseitig?


Genau solche Fragen muss Wissenschaft stellen.

Zusammenhang ist nicht automatisch Kausalität.


5. «Strafen unterdrücken lediglich Symptome»

FAIRPLAY schreibt zudem, Strafen würden «lediglich Symptome» unterdrücken.


Diese Formulierung ist aus unserer Sicht zu absolut.


In der operanten Lerntheorie ist positive Strafe funktional gerade dadurch definiert, dass auf ein Verhalten eine Konsequenz folgt und dieses Verhalten anschliessend seltener auftritt.


Damit kann Strafe Verhalten verändern.


Die entscheidende fachliche Frage ist deshalb nicht, ob Strafe prinzipiell Verhalten verändern kann.


Die wichtigeren Fragen lauten:

  • Welche Nebenwirkungen entstehen?

  • Wie belastend ist die Intervention?

  • Wie nachhaltig ist die Verhaltensänderung?

  • Wurde gleichzeitig ein alternatives Verhalten aufgebaut?

  • Welche Emotion liegt dem Verhalten zugrunde?

  • Und gibt es eine weniger belastende Intervention, mit der dasselbe Ziel erreicht werden kann?


Das ist wesentlich differenzierter als «Strafe deckelt nur Verhalten».


6. Emotionen lassen sich nicht einfach den vier Quadranten zuordnen

Auf der FAIRPLAY-Seite zum Lernverhalten werden den vier Quadranten der operanten Konditionierung konkrete Emotionen zugeordnet:


Positive Verstärkung = Freude

Negative Verstärkung = Erleichterung

Positive Strafe = Unsicherheit, Angst, Stress

Negative Strafe = Frust


Auch hier sollte man zwischen einem anschaulichen Erklärungsmodell und wissenschaftlicher Definition unterscheiden.


Die vier Quadranten der operanten Konditionierung sind über ihre Funktion auf Verhalten definiert.


«Positiv» bedeutet hinzufügen, «negativ» bedeutet entfernen. Verstärkung erhöht die zukünftige Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens, Strafe reduziert sie.


Die Quadranten sind nicht dadurch definiert, dass jeweils zwingend eine bestimmte Emotion entsteht.


Natürlich können aversive Reize Angst oder Stress auslösen und das muss im Training berücksichtigt werden. Ebenso kann das Vorenthalten eines erwarteten Verstärkers Frustration hervorrufen.


Aber daraus folgt nicht, dass jedem Quadranten pauschal genau eine Emotion zugeordnet werden kann.


7. Wissenschaft und Ethik sind nicht dasselbe

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt.


Zu sagen:

«Wir möchten positive Strafe aus ethischen Gründen nicht gezielt einsetzen.»

ist vollkommen legitim.


Ein Kodex darf ethische Grenzen setzen, die über gesetzliche Mindestanforderungen hinausgehen.

Das sollte dann aber auch als ethische Position bezeichnet werden.

Etwas anderes ist die Aussage:


«Die Wissenschaft beweist, dass nur dieser Trainingsweg richtig ist.»

Dafür ist die Forschungslage wesentlich komplexer.


Auch das LIFE-Modell von Fernandez ist ausdrücklich ein Rahmen für ethische Trainingspraktiken. Wissenschaftliche Erkenntnisse fliessen in diesen Rahmen ein – aber Wissenschaft entscheidet nicht allein darüber, welche moralischen Grenzen eine Organisation für ihre Mitglieder festlegt.


8. Was können wir aus der Forschung tatsächlich ableiten?

Die derzeitige Literatur liefert gute Gründe, unnötig stark aversive Trainingsmethoden zu vermeiden. Insbesondere für schmerz-, schreck- und stark einschüchterungsbasierte Methoden bestehen relevante Hinweise auf Tierwohlrisiken.


Belohnungsbasiertes Training sollte deshalb einen zentralen Stellenwert in modernem Hundetraining haben.


Aber daraus entsteht wissenschaftlich keine simple Zweiteilung:

Belohnung = gut, wissenschaftlich und emotionspositiv.

Strafe = schlecht, unwissenschaftlich und macht Hunde aggressiv.


Hundeverhalten, Lernen, Emotionen und Mensch-Hund-Interaktionen sind komplexer.

Und genau deshalb sollten wir aufhören, «die Wissenschaft» als Argument für Lagerbildung zu verwenden.


Unser Wunsch: weniger Graben, mehr Fachlichkeit

Die Hundeszene ist bereits tief gespalten.


Auf der einen Seite wird teilweise noch immer mit Methoden gearbeitet, die aus Tierwohlperspektive kritisch hinterfragt werden müssen.

Auf der anderen Seite erleben wir zunehmend, dass fachliche Diskussionen mit dem Argument beendet werden: «Die Wissenschaft hat bewiesen …»


Wissenschaft funktioniert aber gerade anders.


Sie hinterfragt. Sie vergleicht. Sie diskutiert Methodik. Sie betrachtet Effektgrössen und Limitationen. Sie unterscheidet Korrelation von Kausalität. Und neue Erkenntnisse können frühere Einschätzungen verändern.


Deshalb wünschen wir uns eine Hundeszene, in der wir über Training diskutieren können, ohne Menschen sofort einem Lager zuzuordnen.


Fair, verhältnismässig, bedürfnisorientiert und tierschutzkonform trainieren – ja.

Schmerz, Angst und Einschüchterung zum Trainingsprinzip machen – nein.


Aber ebenso:

Ethische Positionen als solche benennen und wissenschaftliche Evidenz nicht stärker darstellen, als sie tatsächlich ist.


Wer sich auf Wissenschaft beruft, sollte nicht nur einzelne Studien oder deren Schlussfolgerungen lesen. Gerade Review Papers und systematische Übersichtsarbeiten sind wichtig, weil sie zeigen, wie belastbar die Gesamtevidenz tatsächlich ist – einschliesslich ihrer Widersprüche und Grenzen.


Denn Wissenschaft braucht keine Lager.


Sie braucht Differenzierung.


  



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