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Begriffe verstehen statt darüber streiten

  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Warum dieselben Wörter in der Hundeerziehung oft zu unterschiedlichen Diskussionen führen


Einleitung

Nicht selten entstehen hitzige Diskussionen in der Hundeerziehung, obwohl sich die Beteiligten inhaltlich gar nicht so weit voneinander entfernt befinden.


Der Grund ist häufig ein anderer: Sie verwenden dieselben Begriffe – verstehen darunter aber etwas völlig Unterschiedliches.


Begriffe wie «Gewalt», «aversiv», «Strafe», «Führung» oder «Fairness» werden je nach persönlicher Erfahrung, Ausbildung oder Trainingsphilosophie unterschiedlich verwendet. Dadurch reden Menschen oft aneinander vorbei.


Dieser Beitrag soll deshalb nicht bewerten, welche Trainingsrichtung richtig oder falsch ist. Er soll dazu beitragen, einige zentrale Begriffe möglichst sachlich und wissenschaftlich einzuordnen. Die Begriffe sind bewusst alphabetisch geordnet und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

 

begriffe verstehen


A – Aversiv

Kaum ein Begriff wird in der Hundeerziehung so unterschiedlich verwendet wie «aversiv». In der Verhaltensbiologie beschreibt er einen Reiz, den ein Individuum vermeiden möchte. Wie stark dieser Reiz empfunden wird, hängt vom Hund und vom jeweiligen Kontext ab.


B – Belohnung

Eine Belohnung ist nicht das, was der Mensch für eine Belohnung hält. Aus Sicht der Lerntheorie ist eine Belohnung alles, was dazu führt, dass ein Verhalten künftig häufiger gezeigt wird. Ob Futter, Spiel, Distanz, Schnüffeln oder Aufmerksamkeit – der Hund entscheidet, was für ihn belohnend ist.


E – Emotion

Emotionen beeinflussen Lernen und Verhalten wesentlich. Angst, Freude, Frustration oder Entspannung sind weder grundsätzlich gut noch schlecht. Sie helfen dem Hund, Situationen zu bewerten und angemessen darauf zu reagieren.


F – Fair

Fairness bedeutet nicht, jeden Hund gleich zu behandeln. Fairness bedeutet, jedem Hund das zu geben, was er aufgrund seiner individuellen Voraussetzungen benötigt. Transparenz, Verhältnismässigkeit und Individualität gehören für Dogissima zu einem fairen Umgang.


F – Führung

Führung bedeutet nicht automatisch Dominanz oder Kontrolle. Gute Führung gibt Orientierung, übernimmt Verantwortung, verhindert Konflikte möglichst frühzeitig und vermittelt Sicherheit.


G – Gewalt

Der Begriff Gewalt wird juristisch, tierschutzrechtlich, psychologisch und umgangssprachlich unterschiedlich verwendet. Genau diese unterschiedlichen Definitionen führen häufig zu Missverständnissen. Deshalb sollte zunächst geklärt werden, welche Definition gemeint ist.


G – Gewaltfrei

Gewaltfrei ist für viele Menschen ein ethischer Grundsatz. Gleichzeitig wird der Begriff unterschiedlich ausgelegt. Auch hier lohnt es sich, zuerst zu klären, was genau darunter verstanden wird.


G – Grenzen setzen

Grenzen gehören zu jedem sozialen Zusammenleben. Auch Hunde setzen sich gegenseitig Grenzen. Wie Grenzen vermittelt werden, kann sehr unterschiedlich aussehen. Grenzen bedeuten nicht automatisch Härte oder Gewalt.


I – Ideologie

Eine Ideologie ist ein geschlossenes Überzeugungssystem. Sie ist nicht automatisch negativ. Problematisch wird sie erst dann, wenn neue Erkenntnisse grundsätzlich abgelehnt oder gegenteilige Fakten nicht mehr kritisch geprüft werden.


I – Individuum / individuell

Jeder Hund ist ein Individuum. Genetik, Gesundheit, Lernerfahrungen, Motivation, Emotionen und Umwelt beeinflussen sein Verhalten. Deshalb gibt es keine Trainingsmethode, die für jeden Hund gleich geeignet ist.


K – Konsequenz

Konsequenz bedeutet vorhersehbares und nachvollziehbares Handeln. Sie wird häufig mit Härte verwechselt, beschreibt aber in erster Linie Verlässlichkeit.


L – Lerntheorie

Die Lerntheorie erklärt, wie Verhalten entsteht, verändert und aufrechterhalten wird. Die Begriffe «positiv» und «negativ» sind dabei mathematisch gemeint: Positiv bedeutet hinzufügen, negativ bedeutet entfernen.


L – Lernquadranten

Die vier Lernquadranten beschreiben neutral, wie Verhalten beeinflusst werden kann: positive Verstärkung, negative Verstärkung, positive Strafe und negative Strafe. Sie sind keine moralische Bewertung.


M – Management

Management bedeutet, Situationen so zu gestalten, dass unerwünschtes Verhalten möglichst gar nicht erst entsteht oder sich festigt. Es ergänzt Training, ersetzt es aber nicht.


S – Strafe

In der Lerntheorie ist Strafe kein moralischer Begriff. Gemeint ist jede Konsequenz, die dazu führt, dass ein Verhalten künftig seltener gezeigt wird. Ob eine Strafe sinnvoll, fair oder tierschutzgerecht ist, ist eine separate Frage.


T – Trainingsphilosophie

Die Trainingsphilosophie beschreibt die Werte und Grundhaltung einer Fachperson.


T – Trainingsmethode

Eine Trainingsmethode beschreibt den grundsätzlichen Weg oder Ansatz, nach dem trainiert wird.


T – Trainingstechnik

Eine Trainingstechnik ist die konkrete praktische Umsetzung innerhalb einer Methode.


V – Verstärkung

Verstärkung ist das Gegenstück zur Strafe. Sie beschreibt jede Konsequenz, die dazu führt, dass ein Verhalten häufiger gezeigt wird. Ob etwas verstärkend wirkt, entscheidet immer der Hund.

 

Warum Begriffe wichtig sind

Worte tragen Emotionen. Wissenschaft versucht dagegen, Begriffe möglichst eindeutig zu definieren.


Deshalb lohnt es sich, in einer Diskussion zuerst zu fragen:

«Wie definierst du diesen Begriff?»


Nicht unterschiedliche Meinungen führen zu den meisten Konflikten – sondern unterschiedliche Definitionen.


Wer dieselben Begriffe unterschiedlich versteht, wird selten dieselbe Diskussion führen.


Bevor wir über Hunde sprechen, sollten wir sicherstellen, dass wir dieselbe Sprache sprechen.


 

Weiterführende Grundlagen

Für die vertiefte Auseinandersetzung eignen sich insbesondere Lehrbücher der Lerntheorie und Verhaltensbiologie sowie Primärquellen und offizielle Dokumente, beispielsweise:

• B. F. Skinner – Science and Human Behavior

• Edward L. Thorndike – Law of Effect

• Dorsch Lexikon der Psychologie

• Schweizer Tierschutzgesetz (TSchG) und Tierschutzverordnung (TSchV)

• Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV)

• Fachliteratur zur Verhaltensbiologie und Lernpsychologie

 

Dieser Beitrag soll zum Nachdenken anregen – nicht jede Definition abschliessend beantworten. Ausführliche Erklärungen zu den einzelnen Begriffen finden Sie demnächst im Dogissima-Hundelexikon.


  



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