Wenn aus Haltung Zugehörigkeit wird - "Gewaltfrei"
Zwischen Wissenschaft, Ethik und Dogma in der Hundeerziehung
Wann wird aus einer fachlichen Meinungsverschiedenheit eine ethische Bewertung?
Und was passiert, wenn eine ethische Position zunehmend mit Wissenschaft verbunden wird, mehrere miteinander vernetzte Akteure dieselbe Haltung vertreten und methodische Unterschiede schliesslich nicht mehr nur fachlich, sondern als Frage der Zugehörigkeit bewertet werden?
Genau darum geht es in diesem Beitrag.
Nicht darum, Gewalt im Hundetraining zu relativieren. Nicht darum, wissenschaftliche Erkenntnisse gegen persönliche Erfahrung auszuspielen. Und auch nicht darum, belohnungsbasiertes Training infrage zu stellen.
Wer meine bisherigen Beiträge auf Dogissima kennt, weiss, wofür ich stehe: für einen fairen, respektvollen, fachlich begründeten und möglichst belastungsarmen Umgang mit Hunden.
Ich habe bereits darüber geschrieben, weshalb Gewaltfreiheit für mich selbstverständlich ist. Weshalb wir Begriffe verstehen müssen, statt darüber zu streiten. Und weshalb es einen Unterschied macht, ob wir Studien zitieren oder tatsächlich verstehen, was sie aussagen können – und was nicht.
Dieser Beitrag geht einen Schritt weiter.
Denn Wissenschaft beantwortet nicht jede ethische Frage. Und eine ethische Überzeugung wird nicht allein dadurch zu einer wissenschaftlichen Tatsache, dass viele Fachpersonen sie teilen.
Wissenschaft, fachliche Bewertung und Ethik sind nicht dasselbe
Diese drei Ebenen werden in Diskussionen über Hundeerziehung erstaunlich häufig miteinander vermischt.
Wissenschaft kann beispielsweise untersuchen, ob bestimmte Trainingsformen mit Stressverhalten, verändertem Wohlbefinden oder bestimmten Lernergebnissen verbunden sind.
Das ist die empirische Ebene.
Fachpersonen können diese Erkenntnisse anschliessend einordnen: Welche Risiken bestehen? Welche Alternativen gibt es? Welche Vorgehensweise erscheint unter bestimmten Bedingungen sinnvoll?
Das ist die fachliche Bewertung.
Und dann folgt eine weitere Frage:
Was halten wir moralisch für vertretbar?
Das ist die ethische Bewertung.
Natürlich hängen diese Ebenen zusammen. Eine verantwortungsvolle ethische Haltung sollte wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen.
Aber sie sind nicht dasselbe.
Eine wissenschaftlich informierte ethische Position ist noch keine wissenschaftlich bewiesene moralische Wahrheit.
Genau diese Unterscheidung halte ich für zentral.
Die Initiative für gewaltfreies Hundetraining
Ein interessantes Beispiel dafür ist die Initiative für gewaltfreies Hundetraining.
Sie setzt sich für einen wissenschaftlich fundierten, ethisch vertretbaren und empathischen Umgang mit Hunden ein und positioniert sich klar gegen den gezielten Einsatz von Schmerz, Angst und Einschüchterung im Training. Initiative für gewaltfreies Hundetraining
Viele dieser Grundgedanken teile ich.
Auch der Kodex der Initiative ist differenzierter, als die öffentliche Diskussion manchmal vermuten lässt. Die Initiative arbeitet auf Basis positiver Verstärkung, schliesst aber beispielsweise negative Strafe nicht grundsätzlich aus und beschäftigt sich auch mit negativer Verstärkung. Auf den geplanten und gezielten Einsatz positiver Strafe im Training wird dagegen verzichtet.
Das zeigt bereits etwas Wichtiges:
Lerntheorie lässt sich nicht einfach in «gute» und «schlechte» Quadranten aufteilen.
Entscheidend wird vielmehr, welche konkreten Handlungen daraus abgeleitet werden und wie diese ethisch bewertet werden.
Wenn Zustimmung zum wissenschaftlichen Argument wird
Die Initiative verfügt inzwischen über eine grosse Zahl unterstützender Fachpersonen und Organisationen.
Auf der Unterstützerseite finden sich unter anderem der IBH, die Stiftung für das Tier im Recht (TIR), die Schweizerische Kynologische Gesellschaft (SKG), tierärztliche Fachorganisationen, Ausbildungsstätten und weitere Organisationen. Beim IBH wird zudem dessen Kampagne #PositiveRocks aufgeführt. Unterstützende Organisationen der Initiative
Das ist zunächst einmal nichts Negatives.
Menschen und Organisationen dürfen dieselben Werte vertreten, gemeinsame Projekte entwickeln und sich gegenseitig unterstützen.
Trotzdem müssen wir unterscheiden:
Eine grosse Zahl unterstützender Fachpersonen zeigt, dass eine Haltung weit verbreitet ist. Sie ist für sich allein aber kein wissenschaftlicher Beweis für jede daraus abgeleitete Aussage.
Wissenschaft funktioniert nicht über Mehrheiten.
Entscheidend sind Daten, Studiendesign, Methodik, Reproduzierbarkeit, Limitationen und die Gesamtheit der verfügbaren Evidenz.
Und noch etwas ist wichtig: Wenn Organisationen dieselbe Initiative unterstützen, gemeinsame Kampagnen durchführen und sich Fachpersonen in mehreren dieser Strukturen bewegen, begegnet uns dieselbe fachlich-ethische Grundhaltung an verschiedenen Orten.
Auch daran ist nichts Verwerfliches.
Aber mehrere sichtbare Stimmen bedeuten nicht automatisch mehrere voneinander unabhängige wissenschaftliche Bestätigungen.
Sie können ebenso Ausdruck eines gemeinsamen fachlich-ethischen Netzwerkes sein.
Haltung ist wichtig
Damit kein Missverständnis entsteht:
Hundetraining braucht Ethik.
Wir arbeiten mit empfindungsfähigen Lebewesen. Natürlich müssen wir darüber sprechen, welche Belastungen vertretbar sind, wo Grenzen liegen und welche Verantwortung Trainer:innen tragen.
Auch für mich gilt:
Nur weil etwas lerntheoretisch funktioniert, bedeutet das nicht, dass ich es anwenden möchte oder sollte.
Wirksamkeit allein legitimiert keine Methode.
Aber auch der umgekehrte Schluss ist problematisch:
Eine fachliche Position wird nicht automatisch unwissenschaftlich, weil sie ausserhalb der eigenen ethischen Präferenz liegt.
Und genau an diesem Punkt wird es interessant.
Wenn aus Haltung Zugehörigkeit wird
Vor Kurzem habe ich selbst erlebt, wie schnell aus einer methodischen Position eine Frage ethischer Vereinbarkeit werden kann.
Ich hatte beim Internationalen Berufsverband der Hundetrainer & Hundeunternehmer (IBH) eine Mitgliedschaft beantragt.
Der Antrag wurde abgelehnt.
Das ist selbstverständlich das Recht eines Berufsverbandes. Ein Verband darf definieren, welche fachliche und ethische Ausrichtung er vertreten möchte.
Interessant wurde für mich die Begründung.
Auf meine Nachfrage nannte der IBH unter anderem meine ausdrückliche Positionierung zur Arbeit mit allen vier Lernquadranten, meinen «nicht dogmatischen Methodenansatz» und «Kooperation statt Konditionierung» als Unterschiede zu seinen fachlichen und ethischen Grundsätzen.
Und genau hier begann für mich die eigentliche fachliche Frage.
Denn die Anerkennung aller vier Quadranten der operanten Konditionierung bedeutet zunächst einmal:
Ich erkenne an, dass diese Lernmechanismen existieren.
Das bedeutet nicht, dass ich alle vier gleich häufig anwende.
Es bedeutet nicht, dass ich sie ethisch gleich bewerte.
Und es bedeutet erst recht nicht, dass jede theoretisch mögliche Konsequenz für mich im Hundetraining vertretbar ist.
Positive Strafe ist zunächst ein lerntheoretischer Begriff
Gerade der Begriff positive Strafe zeigt, wie schnell Fachsprache und moralische Bewertung miteinander vermischt werden.
«Positiv» bedeutet in diesem Zusammenhang nicht «gut».
«Strafe» bedeutet zunächst ebenfalls keine moralische Verurteilung.
Vereinfacht beschreibt der Begriff einen Lernprozess, bei dem etwas hinzugefügt wird und ein Verhalten dadurch zukünftig seltener auftritt.
Wie belastend eine konkrete Einwirkung ist und ob sie fachlich oder ethisch vertretbar ist, lässt sich nicht allein aus dem Namen des Lernquadranten ableiten.
Genau deshalb halte ich die Unterscheidung für so wichtig:
Reden wir über einen Lernmechanismus – oder über eine konkrete Handlung?
Das ist nicht dasselbe.
Wo liegt die Grenze?
Genau diese Frage stellte ich auch dem IBH.
Ich wollte wissen, ob bereits meine grundsätzliche Anerkennung beziehungsweise Benennung aller vier Lernquadranten als unvereinbar angesehen wird – oder ob es um deren konkrete Anwendung geht.
Ich erklärte, dass daraus keineswegs eine gleichwertige oder undifferenzierte Anwendung folgt. Entscheidungen müssen für mich situationsbezogen, verhältnismässig, tierschutzkonform und am individuellen Hund ausgerichtet sein.
Eine konkrete Grenze im Sinne von «diese Handlung oder diese Vorgehensweise ist mit unseren Kriterien nicht vereinbar» wurde mir daraufhin nicht genannt.
Gleichzeitig stellte der IBH ausdrücklich klar, dass mit seiner Entscheidung weder meine Qualifikation noch die Tierschutzkonformität meiner Arbeit infrage gestellt werde.
Und genau deshalb blieb für mich eine Frage zurück:
Wann wird eine fachliche Differenz zu einer ethischen Differenz?
Wenn zwei Seiten fachlich qualifiziert arbeiten,
wenn beide den Tierschutz als Grundlage betrachten,
wenn beide möglichst belastungsarmes Training anstreben
und wenn die Arbeit der anderen Seite ausdrücklich nicht als tierschutzwidrig bezeichnet wird:
Wann genau wird die verbleibende methodische Differenz zu einer ethischen Unvereinbarkeit?
Das interessiert mich weit mehr als die Frage, ob ich Mitglied eines bestimmten Verbandes sein kann.
Denn dahinter steckt eine viel grössere Entwicklung.
Wir diskutieren teilweise nicht mehr nur darüber, welche Intervention bei welchem Hund unter welchen Bedingungen fachlich sinnvoll und vertretbar ist.
Wir beginnen darüber zu diskutieren, welche Art von Trainer:in jemand ist, wenn bestimmte Methoden oder Lernmechanismen überhaupt als Bestandteil der Realität anerkannt werden.
Aus einer methodischen Frage wird damit eine Identitätsfrage.
Und aus einer fachlichen Position kann eine Frage der Zugehörigkeit werden.
Wann wird Haltung zum Dogma?
Der Begriff Dogma ist stark. Deshalb sollte er nicht leichtfertig verwendet werden.
Eine klare ethische Grenze ist noch kein Dogma.
Dass wir Hunden nicht unnötig Schmerzen zufügen, sie nicht einschüchtern und ihre Bedürfnisse und Emotionen berücksichtigen sollen, ist für mich eine selbstverständliche Grundlage professioneller Hundeerziehung.
Problematisch wird es für mich an einem anderen Punkt:
Wenn die eigene ethische Schlussfolgerung als die einzig wissenschaftlich mögliche Position erscheint.
Wenn empirische Erkenntnis und moralische Bewertung nicht mehr sauber voneinander getrennt werden.
Wenn eine abweichende fachliche Position nicht mehr danach beurteilt wird, was jemand tatsächlich tut und wie er es begründet, sondern bereits danach, welche theoretischen Möglichkeiten jemand anerkennt.
Und wenn Zugehörigkeit davon abhängig wird, dieselbe Interpretation zu übernehmen.
Dann sollten wir zumindest darüber diskutieren dürfen.
Denn Wissenschaft lebt nicht von Zugehörigkeit.
Sie lebt von Fragen, Kritik, Gegenargumenten und der Bereitschaft, die eigenen Annahmen immer wieder zu überprüfen.
Wissenschaft darf Ethik informieren – aber nicht ersetzen
Wir sollten ernst nehmen, was Forschung über Lernen, Emotionen, Stress, Angst, Motivation und Wohlbefinden zeigt.
Und selbstverständlich sollten wir unsere Arbeit verändern, wenn gute Evidenz zeigt, dass wir Hunden unnötig schaden.
Aber Wissenschaft kann uns nicht sämtliche moralischen Entscheidungen abnehmen.
Sie kann untersuchen, was passiert.
Sie kann Auswirkungen und Risiken sichtbar machen.
Sie kann verschiedene Vorgehensweisen vergleichen.
Die Entscheidung, welche Belastung wir in welcher Situation für vertretbar halten, enthält zusätzlich eine ethische Komponente.
Auch die mir vorliegende Analyse der Initiative kommt genau an diesem Punkt zu einer wichtigen Unterscheidung: empirische Aussage, fachliche Bewertung und ethische Entscheidung können aufeinander aufbauen, sind aber nicht identisch.
Eine ethische Position verliert dadurch nicht an Wert.
Wir sollten sie lediglich als solche benennen.
Faire Hundeerziehung braucht mehr als ein Etikett
Ich stehe weiterhin hinter dem Satz, mit dem diese Blogreihe begonnen hat:
Gewaltfrei ist selbstverständlich. Faire Hundeerziehung ist unser Anspruch.
Aber «fair» ist anspruchsvoller als ein Label.
Fair bedeutet für mich, den einzelnen Hund zu sehen: seine Persönlichkeit, seine Lerngeschichte, seine Emotionen, seine Bedürfnisse und seine Grenzen – aber auch die Anforderungen und Sicherheitsbedürfnisse seines Umfeldes.
Es bedeutet, Interventionen nicht nach Lagerzugehörigkeit auszuwählen, sondern fachlich zu begründen.
Es bedeutet, Belastungen so gering wie möglich zu halten.
Es bedeutet aber auch, fachliche Unterschiede auszuhalten, Fragen zuzulassen und die eigene Position immer wieder kritisch zu überprüfen.
Vielleicht sollten wir uns deshalb weniger häufig fragen:
«Zu welcher Trainingsrichtung gehörst du?»
Und stattdessen häufiger:
«Kannst du fachlich begründen, warum du bei genau diesem Hund, in genau dieser Situation, genau diese Entscheidung triffst – und kannst du dafür Verantwortung übernehmen?»
Diese Diskussion wäre aus meiner Sicht wesentlich wertvoller als jedes Etikett.






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